Die Kirchengemeinde

 

Die kirchlichen Gemeinden an der Wolga wurden in Kirchspiele, die Kirchspiele wiederum in Propsteien gegliedert.

 

Stahl am Karaman gehörte zum Kirchspiel Rosenheim und zur Propstei der Wolga-Wiesenseite im Moskauer Konsistorialbezirk.

 

 

Das Kirchspiel Rosenheim wurde 1767 gegründet.

In der Anfangszeit besaß Stahl am Karaman keine eigene Kirche, sodass die Gemeindemitglieder die Gottesdienste in Rosenheim besuchen mussten. Erst später erhielt Stahl eine eigene Kirche.

 

Im landeskirchlichen Archiv in Stuttgart wird ein Aktenstück aus dem Jahr 1789 verwahrt, das die Tätigkeit des Pastors in Stahl am Karaman dokumentiert.

 

Auszug aus den Pflichten, die die Kolonisten von ihrem Pastor forderten

 

• Zur Sommerzeit, sofern es die Amtsgeschäfte erlauben, in der Hauptkirche zu katechisieren.

 

• Das heilige Abendmahl, sooft es für nötig befunden wird, auszuteilen.

 

• Kranke und Sterbende zu besuchen und ihnen auf ihr Begehren das heilige Abendmahl zu reichen.

 

• Kinder zu taufen und verlobte Personen nach Erhalt des Trauscheins zu trauen. Podepnoy, den

 

18. Februar 1789. Podstepnoje/Rosenheim.

Das Foto der Kirche in Stahl am Karaman. Das Originalfoto wurde von Alexander Schneider während seines Besuchs in der alten Heimat in den 1960er-Jahren aufgenommen

Das Kirchengebäude  befand sich an der Kreuzung der Kirchenstraße und Kirchengasse

Das Kirchspiel Rosenheim

 

Das Kirchspiel Rosenheim (russ. Podstepnaja) wurde im Jahre 1767 gegründet. Es gehörte zur Propstei der Wolga-Wiesenseite im Moskauer Konsistorialbezirk und war Teil der evangelisch-lutherischen Kirchenorganisation der Wolgakolonien.

 

Zum ursprünglichen Kirchspielverband zählten folgende deutsche Kolonien:

 

Rosenheim (Podstepnaja), Krasnojar, Enders (Ust-Karaman), Schwed (Swonarewka), Stahl am Karaman (Swonarewkut), Fischer (Thelausa), Reinwald (Stariza) und Schulz (Lugowaja Grjasnucha).

 

Die kirchlichen Strukturen unterlagen im 19. Jahrhundert mehreren Veränderungen.

 

Im Zuge der 1820 in den Wiesenseitenkolonien durchgeführten Union der lutherischen und reformierten Gemeinden wurden Reinwald und Schulz dem neu gegründeten Kirchspiel Reinhardt (Ossinowka) zugeteilt. Thelausa wurde dem Kirchspiel Süd-Katharinenstadt angegliedert.

 

1834 wurde die evangelische Gemeinde in Pokrowskaja Sloboda mit dem Kirchspiel Rosenheim vereinigt. Später erfolgte ihre seelsorgerliche Betreuung durch den Pastor in Saratow.

 

Das starke Bevölkerungswachstum führte 1880 zur Abtrennung der großen Kolonie Krasnojar. Am 20. November 1880 wurde Krasnojar als selbständiges Kirchspiel bestätigt.

 

Im Jahr 1904 zählte das Kirchspiel Podstepnaja insgesamt 12.513 Eingepfarrte deutscher Nationalität.

 

Für das Jahr 1906 sind 174 Konfirmanden belegt.

 

Die eingepfarrten Kolonien umfassten:

 

• Podstepnaja (Rosenheim): 3.579 Gemeindeglieder

 

• Swonarewka (Schwed): 3.343

 

• Swonarewkut (Stahl am Karaman): 3.538

 

• Ust-Karaman (Enders): 2.053

 

Kirchenräte bestanden in Pabotschnaja, Swonarewka und Swonarewkut.

 

Die älteste Kirche des Kirchspiels befand sich in Stahl am Karaman. Sie wurde 1808 als Holzbau errichtet. Nach dem Brand von 1842 erfolgte bald darauf ein Neubau, wiederum aus Holz, mit 816 Sitzplätzen. 1912 wurde das Gebäude renoviert. In 1970er Jahren nach einem Brand zerstört.

 

 

 

Die erste Kirche in Rosenheim wurde 1821 als Holzbau errichtet. Nach einer Renovierung im Jahr 1859 musste sie wegen baulicher Mängel 1876 abgetragen werden. 1884 begann der Bau einer steinernen Kirche, die am 21. September 1886 eingeweiht wurde. Sie bot 1.200 Sitzplätze und stellte den größten Kirchenbau des Kirchspiels dar.

 

Schul- und Bethäuser Neben den Kirchen verfügte jede Kolonie über ein Schul- und Bethaus. Diese Gebäude dienten in den Wintermonaten auch als Predigtstätten und bildeten einen wichtigen Bestandteil des religiösen und schulischen Lebens der Gemeinden.

Die Pastoren in

Stahl am Karaman

 

1767-1785 • Ludwig Helm

 

1786-1788 • Laurentius Ahlbaum

 

1788-1791 • Claes Peter Lundberg

 

1792-1815 • Christian Friedrich Jäger

 

1816-1820 • Franz Bernhard Hölz (Vater von Karl Julius Hölz)

 

1820-1831 • Johann Heinrich Buck

 

1831-1866 • Alexander Karl August Allendorf

 

1867-1879 • Friedrich Wilhelm Meyer

 

1881-1894 • Karl Julius Hölz

 

1894-1901 • Karl Ernst Theodor David

 

1901-1909 • Emil Friedrich Busch

 

1912-1922 • Alexander Rothermel

 

1929-1933 • Jakob Scharf


Franz Bernhard Hölz
Franz Bernhard Hölz
Alexander Karl August Allendorf
Alexander Karl August Allendorf
Friedrich Wilhelm Mayer
Friedrich Wilhelm Mayer
Alexander Rothermel
Alexander Rothermel

Das Kirchspiel Rosenheim im Jahr 1838

 

Nach Dr. Carl Christian Ulmann, Dorpat 1838

 

1. Lage und allgemeine Beschreibung

 

U nter den evangelischen Koloniekirchspielen auf der Wiesenseite der Wolga galt Podstepnoi (Rosenheim) als eines der am bequemsten und schönsten gelegenen. Im Jahre 1836 zählte Podstepnoi 100 Familien und war Wohnort des Predigers. Die Kolonie liegt 10–12 Werst von der Wolga entfernt, auf einer unbedeutenden Anhöhe über dem zwischen Strom und Siedlung weit ausgedehnten Wiesengrund. Von hier aus bietet sich ein weiter Ausblick: stromaufwärts bis Katharinenstadt, stromabwärts nahezu bis zur Stadt Saratow, gegenüber zur Wolga hin sowie in das sanft zur Wolga abfallende Hochland.  

 

4. Gottesdienstliches Leben

 

An jedem Sonn- und Festtag wurde in jeder Kolonie entweder durch den Kirchspielsprediger oder durch den Ortsschullehrer Gottesdienst gehalten:

 

• Vormittags: Gottesdienst

 

• Nachmittags: Kinderlehre (Katechisation)

 

Der Vormittagsgottesdienst begann gewöhnlich um 10 Uhr. Etwa eine Stunde vor Beginn wurden die Einwohner durch dreimaliges Läuten zum Gottesdienst gerufen. Mit dem dritten, durch alle Glocken vollzogenen Geläut begab sich der Pastor oder der diensthabende Schullehrer in das Gotteshaus. Der Gottesdienst erfolgte nach Vorschrift der neuesten Agende. Der kräftige Gemeindegesang der meist zahlreichen Versammlung wird als besonders erhebend beschrieben. Hielt der Schullehrer den Gottesdienst, so las er eine vom Pastor angewiesene Predigt aus einem Predigtbuch sowie die entsprechenden Gebete. 

 

 

 


Quellenverzeichnis

Joseph Schnurr. Langjähriger Sprecher der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. 

Er war maßgeblich an der Herausgabe der Heimatbücher der Landsmannschaft beteiligt und bearbeitete mehrere Bände.

Die Kirchen und das religiöse Leben der Russlanddeutschen. Evangelischer Teil

Erschienen 1978 im AER Verlag / Landsmannschaft der Deutschen aus Russland 

Carl Christian Ulmann (1793–1871) 

Geboren: 3. Februar 1793 in Riga (damals Livland, heute Lettland)

Gestorben: 8. Oktober 1871 in Walk (Livland)

 Evangelisch‑lutherischer Theologe, Pastor und Hochschullehrer, 1835–1842 Professor für praktische Theologie an der Universität Dorpat und dort 1839–1841 Rektor, 1856 wurde er Vizepräsident des Evangelisch‑Lutherischen Generalkonsistoriums in Sankt Petersburg und erhielt den Titel eines Bischofs.